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Aus dem Gedichtband: Der Wintergast, 1965

 

Industriedorf

 

Wie durch trübes Glas schaust du das Dorf.
Unten liegt es in fahler Sonne
voll wolkender Schlote.

 

Beifußwälder umfangen dich steppengrau,
Krane krächzen mit rostigem Schrei
noch in die Kammer dir,
schmal inmitten der Höfe voll Zank und Gekeuch.

 

Rau gellt der Schrei der Kinder beim Spiele,
nimmer erfüllt von Gesang, von Wäldern und Engeln.
Nimmer tragen die Mädchen Rosen im Haar
beim Tanz auf den Schlacken.
Deine Liebe glauben nicht mehr
Augen, frech und vergreist.

 

Wenn die Glocke bimmelt des Kirchleins
dünn zum Schrei der Sirene am Abend,
flimmern die Lichter des Kinos und Lärm füllt die Schenke.
Arm sind die Träume geworden der Männer, der Mädchen
Und von den ätzenden Laugen des Alltags entfärbt.

 

Wie auch sollte sie Freude erfüllen,
sie, getragen vom unwillig fruchtbaren Schoß,
angetrieben vom eisernen Antlitz starrer Maschinen,
aber die Adern geknebelt zum Herzen des Lebens
vom Hochmut des armen Gehirns!

 

Immer noch kreischt Musik, wenn die Sterne schon leuchten,
kindische Flügel der Flucht. Doch es bleibt
nächtens das Schweigen im Lärm, die Angst
und nagend die Leere.

 

Wanderer, wenn du beginnen willst unter dem Himmel,
schwarz vom Gewölk der Fabrik und von Mauern umstellt:
prüfe, wie groß ist dein Herz, dass es strahle,
dir genug, ach nur um dich zu bewahren,
aber den andern genug, den Männern und Müttern?

 

Magst du, Stolzer, bestehn in allen Gezeiten der Seele:
Nun, am Eingang ins Dorf,
betend um Gnade, um Stärke,
senke dein Haupt.


"Der Wintergast", 1956

Fluss der Heimat

 

An seinem Ursprung gipfelt sich zum Turme,
das Haupt im Nebel, nackter Dolomit.
Das Wasser schäumt, erregt vom Frühlingssturme,
und reißt den Schnee in wilden Wirbeln mit.

 

Die Gemsen jagen über Grat und Mauer.
Wenn die Aurikeln blühn im herben Licht,
tönt´s durch das Tal. Der Jäger singt, der Bauer.
Der Bussard kreist. Die Welt ist noch Gedicht.

 

Sie hören nicht den Fluss an Wehren brausen,
wo Sägen kreischen und die Essen sprühn.
Dort brütet Dunst im Tal, Turbinen sausen,
und Schlacken fressen sich ins Ufergrün.

 

Dann sinken sacht des Sandsteins Hügelwellen.
Doch wie sich weit die Ebene entrollt,
zieht er vereinsamt. Weiße Wolken quellen
aus Weizenwogen hoch im Mittagsgold.

 

Durch Schottergründe furcht er seine Zeile,
verbirgt sich in den Au´n von Sonne satt.
Doch Brücken donnern über ihn voll Eile.
Barocke Türme künden ihm die Stadt.

 

Herbstgoldne Hänge glühn. Verklärt vom Weine,
wird jung der Tag und wieder zum Gedicht.
Er aber spürt die nahen Wogenraine
und ahnt den Großen schon im Nebellicht.

 

Die letzten Hügel sinken ein, die grauen,
die erdenalten Buckel aus Granit.
Da rauscht der Strom und öffnet weit die Auen
und nimmt, der Vater, ihn zum Ursprung mit.


"Der Wintergast", 1956

Der Wintergast

 

Der Abgehauste kam ins Haus,
wenn grau vorm Tor der Nebel spann.
Er packte ungebeten aus
und fing gemach zu werken an.

 

Er hockte still mit krausem Schopf,
und was er bastelte beim Herd
an Zaum und Kummet, Pfann und Topf,
war kaum das Brot zur Suppe wert.

 

Doch in der leisen Dämmerzeit
begann er wie von ungefähr.
Da glänzte in der Einsamkeit
Die Ferne auf, es scholl das Meer.

 

Das Haus fuhr sacht im Silberlicht,
die Küste leuchtete, der Turm,
und Mohren zeigten ihr Gesicht
und tanzten heiß im Feuersturm.

 

Die Inseln bluten vor dem Kai.
Rot hing der Mond im Segelbaum,
und Schiffe zogen weiß vorbei
mit ihrer Fracht aus Rausch und Traum.

 

Der Bauer saß. Die Ahnin spann.
Die Fenster klirrten leis im Frost,
wie fabelbunt die Zeit verrann.
Das Mädchen brachte Schnaps zum Most.

 

Der Fremde schwieg und trank wie blind.
Spann er sein Gold aus Bettelstroh?
Doch wieder schwoll der Segelwind,
der Turm versank, die Küste floh.

 

Die Mutter mahnte endlich mild.
Da schwand der Meerglanz im Gemach.
Der Traum jedoch ging weltgestillt
noch lang den bunten Sagen nach.

 

Der Alte schlich zur Scheune steif,
jäh wieder arm, ein Vagabund,
und Mond wob in sein Haar den Reif.
Am Tore klirrte streng der Hund.


"Der Wintergast", 1956

An eine Königskerze

 

Andre Blumen sind der Gartenstille
hingegeben oder einem Feld.
Dich hat streng und hart der Schöpferwille
auf die Schlackenhalde hingestellt.

 

Gräser kümmern bleich und fahle Moose
auf dem schwarzen Müll des Essenschlunds.
Aber deine breite Blätterrose
nährt sich von der Kraft des tiefern Grunds.

 

Du vernimmst den Glanz der hohen Tage
ungeschwächt durch Dunst und grauen Rauch,
bis du aufblühst, wahr gewordne Sage,
Himmelbrand, als gelber Flammenstrauch.

 

Und es leuchten deine Feuerweisen
aus dem Grau der Aschen unzerstört.
Auch bei Rost und Schutt und altem Eisen
stirbt nicht, was sich wahrhaft selbst gehört.


"Der Wintergast", 1956

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