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Aus dem Gedichtband: Der Karneol, 1960

 

Morgen im März

 

Ein Knospenzweig im Fenster nur,
des Morgengoldes blasse Spur,
ein scheuer Drosselton,
und Frühling sagst du schon.

 

Ein Menschenblick, für dich erwacht
nach der Verlassenheit der Nacht,
im Dämmern Gruß und Hauch:
Glaub diese Botschaft auch!


"Der Karneol, 1960"

Februarnacht

 

In der samtblauen Kuppel der Nacht
blendet der eisige Mond.
Aber das Funkeln Orions
kündet heimlich den Föhn,
wie die Ahnung des Schicksals
dennoch jeden erreicht,
der die Kraft sich bewahrt,
Stimmen der Zukunft zu hören.


"Der Karneol, 1960"

Nacht auf dem Berg

 

Ringsum schatten die Wälder.
Unten die Lichter der Wagen
flimmern in hastiger Schrift
straßenlang Zeilen der Unruh.
Oben doch schreiben die Sterne
immer noch heilige Zeichen,
Alpha und Omega.


"Der Karneol, 1960"

Einem Grünspecht

 

Dich hören die äsenden Rehe,
verkündest du trommelnd den Morgen.
Aufglüht in Scharlach dein Haupt,
in moosigem Gold dein Gefieder.
Verschollene Inseln der Stille
umkreist dein bogiger Flug.
Ich will dir, scheuer Gefährte,
die Bäume bewahren ums Haus,
von Flechten bärtig und alt.
Wo du rufst, singen die Drosseln
bis in die sinkende Nacht,
und Menschen, die deine Bereiche
noch immer finden, sind wert,
die Stunde mit ihnen zu teilen.


"Der Karneol, 1960"

Blühender Baum

 

Duftige Wolke der Freude,
Baum in den Wiesen!
Bienen brausen,
indes deine Blüten rieseln,
rosige Blätter,
Knospen sich öffnen.
Jede Liebe, immerwährend
ist sie Tod und Geburt.


"Der Karneol, 1960"

Rosskastanien

 

Sie springen aus platzenden Bälgen und bollern
durch raschelndes Laub mit Gerausch und Geknack,
die braunen Kastanien, fallen und kollern
und liegen, die Glatten, und glänzen wie Lack.
Wir hasten durchs Falllaub, wir stolpern und fluchen,
wir Blinden. Ein Kind doch entdeckt sie gebannt,
dem Zauber vertrauend. O seliges Suchen!
Schon schwellen die Taschen, zum Bersten gespannt.


"Der Karneol, 1960"

Die Stare

 

Wann fanden die Fernen zurück?
Am Morgen flöten die Stare
im Wipfel des knospenden Baums,
als hätte das Herbstlicht sie nie
an ferne Gestaden gezogen.

 

O Wunder des landweiten Flugs!
Auch wir erlernten´s, wir Schweren.
Das Ziel doch verloren wir bald.
Ist es der furchtbare Preis?
Die Vögel fliegen und landen.
Doch wir sind nirgends daheim.


"Der Karneol, 1960"

 

 

 

 

Vollmond

 

Vollmond im späten August,
schwindest du, nimmst du noch zu?
Dir ist die Trauer bewusst:
Bist du´s, beginnt der Verlust,
und du bist nimmermehr du.

 

Seltsame Mondnachtmusik,
tropfen die Herbstfrüchte schwer.
Vollmond, Reifsein und Glück,
alles nur Augenblick
zwischen Noch und Nicht mehr.


"Der Karneol, 1960"

Der Karneol

 

Im bröckelnden Sandstein schimmert
ein roter Karneol,
der jung war, als dieser Hügel
am Grunde des Meeres noch schlief.
Er leuchtet noch immer, der Fremdling
aus feurig gewaltiger Zeit,
nur Ahnung und letzter Abglanz,
nicht anders als Lied und Gedicht.


"Der Karneol, 1960"

Baum im Winter

 

Sich zu verschließen, ein Baum,
den Hungernden taub, den Raben und Rehn,
zu leicht gelingt´s uns im Eiswind.

 

Er freilich bewahrt in den Wurzeln
die rosige Freude des Frühlings,
die Süße der goldenen Frucht.

 

Doch wir, selbst im Traume voll Winter,
wie wollen denn wir
den Kommenden feiern,
im Herzen das Eis?


"Der Karneol, 1960"

Advent

 

Noch immer wartet das Herz,
verlangt im Nebel das Licht.
Die letzten Rosen im Garten
reifen im Kelche das Eis.

 

Den Bienen doch stockt in den Waben
Der Honig goldbraun und süß,
und wintervermummt
ruhen die Höfe.

 

Willst du dich um Wärme verkaufen,
den Trug eines Linsengerichts?
Denn einmal erstrahlt überm First
- und nicht den dunkel Verborgnen -
der silbern blitzende Stern.


"Der Karneol, 1960"

Hände

 

Verschenke doch, verschwende
das Leuchten deiner Hände,
die Ströme, zauberhaft!
Wen die gewölbten Schalen
umschließen, spürt im Strahlen
all deiner Liebe Kraft.

 

Weißt mehr du darzubringen?
Du darfst im andern schwingen,
und Heil strömt dir zurück.
Selbst Hände, rau von Sünden,
erstrahlen und verbünden
dich diesem reinsten Glück.


"Der Karneol, 1960"

Die Kette

 

Ist es das Veilchen nicht mehr,
hauchen Spiräen.
Wenn die Zeitlose welkt,
schimmern die Schneerosen bald.

 

Schweigt der Pirol,
flüstert noch lange der Rotschwanz.
Meisen läuten ihr Schneelied,
wenn schon der Drosselruf hallt.

 

Tröstliche Kette! Doch wir auch:
Morgen schon künden die Botschaft
andere, schenken die Freude
junge, helle, blühende Stimmen.


"Der Karneol, 1960"

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